Historie
Va, penserio, sull’ ali dorate …
Maria – Montessori – Schule in Holsterhausen gegründet
Gänsehaut
Arena di Verona, Juli 2007
Es ist eine herrliche, mediterrane Sommernacht. Und trotzdem: Gänsehaut. Denn ich ahne, was jetzt kommt. Seit einigen Stunden sitze ich neben Luigi auf den harten Steinstufen. Selbst aus dem Pappbecher schmeckt sein Wein wunderbar. Ich kenne Luigi erst, seit er mir Platz und Wein vor Beginn der Vorstellung neben sich und seiner Anna angeboten hat. Schade, dass ich noch immer nicht Italienisch gelernt habe! So ist er in meiner Phantasie ein kleiner Weinbauer aus den Hügeln des Piemont und lebt von seiner Hände Arbeit.
Und diese Hände rücken nun seine Frau (sicherlich sind die beiden seit Jahrzehnten ein Paar) behutsam dicht an sich ran. Auf der riesigen Bühne nähert sich der dritte Akt dem Ende. Nabucco. Eine unbeschreibliche Spannung liegt über der Szene. Die Musik scheint in der Luft stehen zu bleiben. Da wendet sich der Dirigent dem Publikum zu und senkt den Taktstock: „Va, penserio, sull’ ali dorate…“. Aus fünfzehntausend italienischen Kehlen klingt das wohl meist gesungene Stück der Opernliteratur. Luigi und Anna sind im siebten Himmel. Verdi kann nicht gewusst haben, was er da komponiert. Ein Meisterwerk.
Ein Kind der Freiheit
Chiaravalle, August 1870
Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Leise summt Renilde Stoppani „ihre“ Hymne: Va, penserio… . Wie oft hat sie dieses Lied gesungen! Trotzig, voller Hoffnung. Sie ist eine feurige Patriotin, eine ungewöhnlich gebildete, Bücher verschlingende Frau. Ihr Herz schlägt für die Befreiung Italiens und die Einheit des Landes. „Va, penserio…“ – eine Übertragung ins Deutsche ist und bleibt unvollkommen: „Fliegt, Gedanken, auf goldenen Flügeln…“. Ende des Monats wird Renilde Stoppani ihr erstes Kind zur Welt bringen. Es soll ein Kind der Freiheit werden. Hineingeboren in ein rückständiges Italien, das endlich frei ist! Alles wird möglich sein für dieses Kind – Kultur, Bildung, Glück und Erfolg. Nichts und niemand wird dies verhindern. Alles ist denkbar. Die Gedanken sind frei!
Ist es ein Wunder, dass die kleine Maria Montessori schon im Leib ihrer Mutter den Geist der Freiheit und Grenzenlosigkeit in sich aufgesogen hat?
Maria Montessori
New York, Dezember 1913
Als Maria Montessori an Bord der Hamburger Amerika-Linie die Skyline New Yorks erblickt, ist sie weltbekannt. Dass sie als Mädchen eine naturwissenschaft-liche Schule besuchte, dass sie als junge Frau Italiens erste Ärztin wurde, als Delegierte auf dem Internationalen Frauenkongress 1896 in Berlin Medienereignis war, dass sie den Vater ihres Sohnes nicht heiratete und trotzdem als Ärztin in der Psychatrie weiterarbeiten und ihre sozialreformerischen Ideen verfolgen konnte – dies waren allesamt Meilensteine auf ihrem sehr eigenen Weg. Worauf man aber 1913 in Amerika mit Spannung wartete, waren ihre Vorträge über ihre bahnbrechenden neuen pädagogischen Ansätze für die Arbeit mit Kindern. Zum ersten Mal hieß das oberste Erziehungsprinzip „Freiheit“ – freilich innerhalb sorgfältig gesteckter Grenzen – und nicht mehr autoritäre Disziplin. Zum ersten Mal sollte das Kind sich frei entfalten können und alleine durch Freude am Erfolg der eigenen Arbeit lernen wollen.

So hat Maria Montessori ihre Pädagogik von Anfang an als internationale, grenzenlose Bewegung verstanden, in deren Mittelpunkt das Kind als eigenständiges Individuum steht.
Die Gedanken sind frei
Herrlichkeit Lembeck, August 2006
Birgitt Weßeling-Busch radelt mit ihrer Familie zum Sommerfest der Biologischen Station. Sie ist Heilpädagogin. Seit einiger Zeit kreisen ihre Gedanken immer wieder um die eine Frage: „Welche Schule ist die richtige für unsere Kinder?“
Oft hat sie mit ihrem Ehemann darüber nachgedacht. Unter verschiedenen reformpädagogischen Modellen erweisen sich ihr die Montessorischulen als vielfach international erprobte Alternativen. Schließlich nimmt sie Kontakt zur Weseler Montessori – Schule auf, die gerade gestartet ist. Zwar arbeitet die Borkener Montessori-Schule schon seit über zwanzig Jahren erfolgreich. Aber sie ist ausgebucht. Nur Kinder aus Borken werden aufgenommen. Und Wesel? Eigentlich zu weit entfernt. Als Birgitt Weßeling-Busch an der Biologischen Station ankommt, weiß sie noch nicht, dass dieser Tag der Geburtstag der Dorstener Maria- Montessori-Schule sein wird. Unvorhergesehen trifft sie auf die Lembecker Kindergartenleiterin Maria Thier. Die beiden Frauen kennen sich. Über das Thema, das sie in den folgenden Monaten kaum einen Augenblick loslassen wird, haben sie schon gesprochen. Ohne konkretes Ergebnis. Wer von beiden an diesem Tag zuerst den entscheidenden Satz formuliert, ist heute nicht mehr nachvollziehbar, aber dieser Entschluss markiert den Start zur ersten freien Montessori-Schule im Kreis Recklinghausen: „Was andere können, können wir auch. Wir gründen unsere eigene Schule.“
(Anmerkung des Verfassers: Gut, dass die beiden Frauen nicht wussten, wie viel Arbeit, Aufregung, Verantwortung und Entscheidung dieser Entschluss bedeuten würde. Wer weiß, ob der Mut wirklich gereicht hätte?) Das aber gilt: das Unmögliche denken. Was sollte uns hindern? Va, penserio… .
Es geht los
Herrlichkeit Lembeck, Oktober 2006
Hat der Plan tatsächlich eine Chance auf Verwirklichung? Die Frage ist noch lange nicht beantwortet. Wochen des Sich-Informierens und des Planens sind vorbei. Und es waren auch Wochen des Grübelns.Doch dann finden sich Ende Oktober im Hause Weßelling-Busch zehn Menschen zusammen, um den Montessori-Verein Dorsten/Lembeck e.V. zu gründen. Er wird Träger der privaten Schule sein. Erste und zweite Vorsitzende werden selbstverständlich Birgitt Weßeling-Busch und Maria Thier. Für den fünfköpfigen Vorstand bricht eine intensive und arbeitsreiche Zeit an, für die Vorsitzende tägliche Termine und Aufgaben. Und der Verein hat Glück. Schnell findet sich in Sandra Grimm-Jandewerth eine engagierte Montessori-Lehrerin aus der Borkener Schule, die gerne in das Projekt einsteigt. So ist sie von Anfang an bei der Ausarbeitung des Pädagogischen Konzeptes beteiligt.Und der Verein findet offenen Türen.Zum Beispiel bei der Bezirksregierung in Münster, die für das Verfahren zur Genehmigung der Schule zuständig ist.Und der Verein findet offenen Ohren.Informationen kommen früher als geplant an die Öffentlichkeit. Es gibt interessierte Nachfragen von staatlichen Schulen, von Eltern, von der Presse. Die Resonanz ist ausschließlich positiv. Anscheinend trifft die Gründung einer privaten Schule mit einer alternativen Pädagogik den Nerv der Zeit.Und der Verein findet Unterstützung.Das Jahr 2007 ist das „Montessori-Jahr“. Vor einhundert Jahren, am 6.Januar 1907, hatte Maria Montessori in Rom ihre erste casa dei bambini gegründet. Im Januar nun geht der Verein an die Öffentlichkeit. Im Schulausschuss der Stadt Dorsten wird das Konzept vorgestellt. Endlich einmal sind sich nach dem verheerenden Dorstener Schulstreit 2006 alle Fraktionen einig. Einhellig begrüßen sie die Initiative.
Kinder erobern die Welt
Dorsten, März 2007
Eine besondere Schule braucht ein Logo. Um unverwechselbar zu sein.

Kija Brink ist Schülerin des Max-Born-Berufskollegs in Recklinghausen. Und sie ist Gewinnerin. Ihr Entwurf für den Wettbewerb, ein Signet für die neue Schule zu finden, hat die Jury voll überzeugt. Die Begründung der Schülerin für ihren Entwurf: „Das Logo soll Lebensfreude und Energie ausdrücken. Dem Kind traue ich zu, den schützenden Raum der Schule zu verlassen, um die Welt zu erobern.“ Damit bezieht sich die Schülerin auf eine Grundidee der Pädagogik Montessoris. Doch wie sieht der Schulalltag aus? Immer wieder ist danach gefragt worden. Wie lernt ein Montessori-Kind Rechnen? Wie wird die individuelle Förderung realisiert? Was ist Freiarbeit? Welchen Beitrag müssen Eltern leisten? Ist der Schulerfolg der Kinder gewährleistet? – Fragen, die immer wieder gestellt wurden. Und die in diesen Wochen auf drei Informationsabenden in Dorsten durch Berichte aus der Praxis erörtert wurden. Doch eine Frage, mit der das gesamte Projekt steht oder fällt, kann immer noch nicht beantwortet werden: In welches Gebäude wird die neue Schule ziehen?
Traditionsreicher Standort
Holsterhausen, April 2007
Was sich wie ein Aprilscherz anhört, ist keiner: Anfang des Monats ist die Maria-Montessori-Schule die wohl einzige Schule in Deutschland mit einem Logo, aber ohne Schulgebäude. Dabei war dem Verein Anfang des Jahres „wie ein plötzliches Geschenk vom Himmel“ das renovierte Gebäude der alten Bonifatiusschule im Herzen von Holsterhausen angeboten worden. Die räumlichen Bedingungen waren ideal. Aber die Verhandlungen dauerten länger als erwartet. Die Zeit wurde knapp. Ende des Monats steht dann der Mietvertrag. Der Vorstand des Montessori-Vereins freut sich über eine faire Vereinbarung, die die besonderen Bedürfnisse einer Jahr für Jahr wachsenden Schule berücksichtigt. Und Holsterhausen hat in einem traditionsreichen Gebäude wieder eine Schule, eine alternative dazu. Und die Kinder werden dafür sorgen, dass aus dem eher mächtigen, strengen Gebäude bald fröhliches Lachen zu hören ist.
Ein Gläschen Prosecco
Münster i.W., Juli 2007
Es ist soweit. Alle Hürden sind geschafft. Alle Verträge sind abgeschlossen. Das pädagogische Team ist komplett. Die erste jahrgangsgemischte Klasse wartet auf den ersten Schultag. Die Eltern helfen fleißig beim Einrichten der Schule auf den beliebten Montessori-Aktionstagen. Und, kaum zu glauben, alle behördlichen Hürden waren leichter als befürchtet zu meistern. Das Finanzkonzept der Schule für die nächsten vier Jahre ist beschlossen. Was fehlt? Die letzte, endgültige Genehmigung nach Prüfung aller Unterlagen und Begutachtung des Schulgebäudes. Und tatsächlich wird diese Genehmigung einer kleinen Delegation des Trägervereins in Form einer Urkunde bei der Bezirksregierung in Münster in den ersten Julitagen überreicht.
Und das ist Rekord! Gut acht Monate von der Vereinsgründung bis zur Genehmigung. Anderenorts wären zwei Jahre keine Überraschung. Nach der eher nüchternen Zeremonie beim Regierungspräsidenten soll es übrigens ein Gläschen Prosecco gegeben haben. Derweil sitzt der Verfasser auf den Steinstufen der arena, wartet auf den vierten Akt von Nabucco und genießt Luigis Rotwein. Wunderbar.
Es ist Mitternacht und immer noch angenehm warm. Die Gedanken wandern nach Holsterhausen. Gleich nach den Ferien geht’s weiter. Es gibt viel zu tun, die nächsten Klassen, neue Kinder, neue Eltern, neue Pädagogen, und: eine weiterführende Montessori-Schule… .
Va,penserio…



